Kriegsjahre und Zwischenkriegszeit (1914–1945)
1914-1919
Vor und nach dem Ersten Weltkrieg leitet Gerhard Heinrich Meyer (Bahnhofstraße, „Hönnig“) den Verein, so berichtet Heinrich Kalvelage in der 1972er-Chronik der Gemeinde. Für 1914 ist allerdings durch Protokollaufzeichnungen der Vorsitzende Drechslermeister Theodor Nienaber bekannt, der jedoch bald nach Kriegsbeginn eingezogen wird. Das Protokollbuch ist die früheste erhaltene Quelle des damaligen Kriegervereins. Zweiter Vorsitzender wird 1914 Josef Deeken, Kassenführer Clemens Abeln, Schriftführer Postbote Anton Wulfers. Schon wenige Wochen später berichtet ein Protokoll im August 1914 davon, dass Wulfers auch inzwischen eingezogen worden war. Für ihn wird Gendarm Gustav Lefeber als stellvertretender Schriftführer gewählt.
Das erste erhaltene Protokoll vermerkt auch, dass den Veteranen Joh. Timmermann und B. Brinkmann eine einmalige Beihilfe in Höhe von 30,- RM vom deutschen Kriegerbund gewährt wird. Das zeigt, dass die Vereinsmitglieder in wirtschaftlich schwierigen Zeiten oder infolge von finanziellen Engpässen in der Kriegszeit Förderungen auf Antrag erhalten können. Daneben wird auch beschlossen, einen Ball im Saal Oldehus zu veranstalten. Die Generalversammlungen dienen auch dazu, Delegierte zu Kriegerversammlungen in nah und fern zu wählen, wie auch heute durchaus noch.
Das Vereinsleben während des Ersten Weltkriegs geht laut Chronik von 1976 relativ normal weiter, es ist eine „rege Vereinstätigkeit zu verzeichnen“. Auch feiert man in Garrel einigermaßen normal Schützenfest, als wäre noch Frieden, inkl. Ball und Kinderbelustigung. Davon zeugt auch eine Werbeanzeige des Kriegervereins von August 1914. Die Verbindung zu den Garrelern im Feld bleibt gut, sodass beinahe alle heimgekehrten Soldaten dem Kriegerverein beitreten. Gleichzeitig werden auch die Frauen und Kinder der eingezogenen Soldaten mit Vereinsmitteln unterstützt, wie auch das Protokoll vom 23. August 1914 zeigt. Sofern Vereinsmitglieder im Krieg fallen, benachrichtigt der Kriegerverein per Zeitungsannonce die Mitglieder auch bezüglich des Gottesdienstes oder der Beerdigung.
[Foto 202: Seelenamt für H. Pleyter. Quelle: OM-Medien]
Im Oktober 1914 ist man auch weit ab von der Front noch recht siegesbewusst. Bei der Kriegervereinsversammlung am 18. Oktober 1914 gedenkt Gendarm Lefeber „des Kaisers und der siegreichen Truppen und brachte ein Hoch“ aus. Hier beschließt man auch, den an der Front weilenden Garrelern ein sogenanntes „Liebesgabenpaket“ mit Unterstützung der Gemeinde Garrel in Höhe von 200,- RM zu schicken. Im November 1914 berichtet die MT auch schon von der erfolgreichen Umsetzung: Der Garreler Kriegerverein habe den „im Felde stehenden Kriegern der Gemeinde“ ein Paket geschickt, bestehend aus Wollsachen, Verpflegung, Tabak und Zigarren. Das kommt bei den Garreler Soldaten gut an, die sich in verschiedenen Briefen bedanken. Ein Unteroffizier B. aus Nikolausdorf schreibt, er habe sich sehr gefreut, „daß Ihr dort auch an Eure Kameraden in Feindesland denkt; das werde ich dem Verein nie vergessen“1. Ein anderer schreibt, er habe die größte Freude gehabt, als er die Wurst im Paket sieht, denn „Wurst, Schinken oder Speck ist’s gerade, was wir haben müssen. Wenn ihr noch was übrig habt, so schickt es nur herüber; es sind 6 Garreler hier, die werden Euch sehr dankbar sein“. Die Zeitung weiß auch zu berichten, dass der Kriegerverein plant, noch ein Weihnachtspaket zu verschicken. Dazu wird die Garreler Bevölkerung aufgefordert, freiwillig Beigaben zu stiften. Es kommt auch vor, dass Pakete zurückkommen. Der Inhalt wird dann an Angehörige von Vereinsmitgliedern verteilt.
Im Januar 1915 wählt die Versammlung des Kriegervereins für den an der Front befindlichen Vorsitzenden Theodor Nienaber den Gendarm Lefeber als Stellvertreter, der die Amtsgeschäfte kommissarisch führt. In dieser Versammlung informiert Lefeber die anwesenden Vereinsmitglieder auch, dass der Bundesvorstand berichtet habe, man müsse bald die vorhandenen Militärgewehre an das Kriegsministerium abgeben. Kamerad Meyer erklärt sich bereit, die Gewehre zu reinigen und einzupacken. In den Unterlagen des Vereins hat sich auch der originale Empfangsschein erhalten: Am 24. März 1915 liefert der Kriegerverein Garrel zwei Gewehre 71/84 (Infanteriegewehr Mauser M 71/84, das erste Repetiergewehr des deutschen Heeres) und zwei dazugehörige Mündungsdeckel im Königlich Preußischen Artilleriedepot zu Oldenburg ab.
Der Verein beschafft Anfang 1915 außerdem einen Tisch mit einem Kreuz, der im Vereinslokal aufgestellt wird und in den man gegen Zahlung von 50 Pfennig einen Nagel einschlagen darf. Das dadurch eingenommene Geld wird wohltätigen Zwecken zugeführt. Außerdem kann man beim Vereinsmitglied Vohsmann für 1,50 RM Kaiserbilder bekommen. Die Vereinsversammlungen dieser Zeit dienen auch für Vorträge, so im April 1915 zum Thema „Unterseeboote“. 1915 ist auch das Jahr, in dem erstmals auf Rickwärtz‘ Wiese ein Schießstand mit hohen Deckungswällen errichtet wird, auf dem man mit Infanteriemunition stehend oder knieend auf 100 bis 150m schießt und der gleichzeitig auch der Jugendwehr zur Verfügung steht. Die Vorbereitungen dazu beginnen spätestens im April 1915. Näheres dazu findet sich auch im Kapitel zu den Garreler Schützenfesten.
Das Protokoll vom 21. November 1915 berichtet schließlich, dass bis November 1915 schon 280 Garreler zum Kriegsdienst eingezogen worden waren, 26 waren gefallen, davon acht Vereinsmitglieder. Fünf Soldaten befanden sich in Gefangenschaft.
Im Januar 1916 berichtet die Oldenburgische Volkszeitung von der Generalversammlung des Kriegervereins: Die Vorstandswahl ergibt vor allem Wiederwahlen, nur einer wird namentlich benannt: „Als stellv. Vorsitzender wirkte mit großem Fleiß und gutem Erfolge Gendarm Lefeber“2, der schon 1913 beim Preisschießen gewonnen hatte. Gustav Lefeber dient jedoch nur von 1910 bis 1919 in Garrel (seine erste Dienstposition nach dem sechsjährigen Dienst beim Oldenburgischen Dragoner-Regiment Nr. 19) und wird dann nach Nordenham versetzt, sodass er wahrscheinlich auch sein Vereinsengagement in Garrel beendet.3 Die Zahl der (aktiven) Mitglieder sei 1916 durch die vielen Einziehungen in den Krieg sehr gefallen, berichtet die Zeitung. Zu Weihnachten 1915 verschickt der Kriegerverein dann erneut an sämtliche Soldaten ein Liebesgabenpaket, alles in allem sogar 274 Pakete. Der Verein kümmert sich auch schon damals intensiv um das Gedenken an die Gefallenen: Für den 27. Januar 1916 war ein Gottesdienst angesetzt, zu dem via Zeitung um vollzähliges Erscheinen gebeten wird.
Für das Jahr 1917 sind keine Belege über die Vereinstätigkeit bekannt, die sich jedoch wie zuvor in der Unterstützung von Frontsoldaten und deren Familien fortgesetzt haben dürfte. Mit dem Kriegsende 1918 endet für viele Deutsche eine Illusion, so wohl auch für die Garrelerinnen und Garreler. „Die Kriegervereine retteten ihre Tradition in die republikanische Gegenwart der Weimarer Republik hinüber und nahmen unter den vaterländischen Vereinen nach dem Ersten Weltkrieg einen festen Platz ein. Im Ruf ‚Mit Gott für Volk und Vaterland‘, dem Motto der Kriegervereine, schwang jenes nationalistische und militaristische Pathos mit, das seelisch in der christlichen Imagination des monarchischen Deutschland beheimatet war“4, schreibt Hubert Gelhaus 2001. Gedanklich und weltanschaulich ist später auch viele Jahre nach dem Ersten Weltkrieg längst nicht jeder in der Realität der jungen Demokratie angekommen. Insofern bilden die Kriegervereine eine große, traditionalistische Gruppe, die der Kaiserzeit in gewisser Weise nachtrauern und sich später auch „alte Stärke“ zurückwünschen.
Der Kriegerverein Garrel bleibt ebenfalls bestehen und kümmert sich auch in den weiteren Jahren um die für den Zusammenhalt der Bevölkerung wichtigen Vereinsfeste, vor allem das Schützenfest. 1918 dürfen dann auch erstmals Ungediente dem Kriegerverein beitreten. Im Grunde genommen kann man erst im Zuge dieser Entwicklung von der Entwicklung eines Schützenvereins sprechen.
1919 zeigen sich im recht beschaulichen Südoldenburg Auflösungserscheinungen des Deutschen Kaiserreichs und seines Sicherheitsapparats, die dann auch den Kriegerverein in gewisser Weise betreffen. Nach einer Reihe von Einbrüchen in Garrel und damit verbundener Angst und Sicherheitsbedenken in der Bevölkerung berichtet die OV im März 1919 von der Organisation einer Garreler Bürgerwehr. Der treten innerhalb kürzester Zeit über 300 Mitglieder bei. Zum Vorsitzenden wird Theodor Nienaber gewählt, der noch in der unmittelbaren Vorkriegszeit Vorsitzender des Kriegervereins ist. Möglicherweise verschmelzen hier auch Bürgerwehr und Kriegerverein in dieser Zeit bzw. überdecken sich ihre Interessen.5
1920er
Die Auswirkungen des Kriegsendes zeigen sich auch an anderer Stelle: 1921 lädt nicht der Kriegerverein Garrel via Presse zum Schützenfest ein, sondern ein „Verein ‚Kameradschaft‘“6.
[Foto 203: Kameradschaft lädt zum Schützenfest ein. Quelle: OM-Medien].
Dabei handelt es sich aber tatsächlich um den Kriegerverein. Der Versailler Vertrag von 1919 regelt, dass paramilitärische Organisationen, militärische Ausbildung außerhalb der Reichswehr und bewaffnete Verbände – im Kriegerverein schoss man mit Infanteriegewehren – in Deutschland verboten sind. Schießveranstaltungen sind also zunächst grundsätzlich kaum abzuhalten. Dazu passt auch, dass das Protokollbuch des Kriegervereins Garrel zwischen 1917 und 1924 eine vollständige Lücke aufweist. Das Vereinsleben scheint aber allein schon angesichts des Schützenfests weiter bestanden zu haben, ggf. aber eher verdeckt. Man bleib also Kriegerverein, benennt sich jedoch phasenweise um, um die Bestimmungen des Versailler Vertrags zu erfüllen – oder zu umgehen. Ähnliche Nennungen von Kameradschaftsvereinen finden sich in den Zeitungen dieser Jahre auch für andere Kriegervereine. Der Versailler Vertrag spaltet die Gesellschaft auch viele Jahre später noch, was politische Diskussionen auf den Versammlungen des Kriegervereins zeigen: Ein wesentlicher Punkt des Versailler Vertrags von 1919, der die Deutschen besonders erboste, war der sogenannte Kriegsschuldparagraph 231, der Deutschland und seinen Verbündeten die Alleinschuld am Ersten Weltkrieg zuwies, wogegen sich in Deutschland massiver Protest regte. Schon bald nach der Vertragsunterzeichnung war dieser Paragraph als „Kriegsschuldlüge“ bekannt. So vermerkt das Protokoll der Kriegervereinsversammlung vom 28. Juni 1929, immerhin zehn Jahre später noch, „Protest gegen die Kriegsschuldlüge“.
Rein organisatorisch war der Oldenburger Kriegerbund, dem der Kriegerverein Garrel angehörte, zum 1. Januar 1900 schon Teil des neuen Dachverbands, des Kyffhäuser-Bunds, geworden. Nach dem Ersten Weltkrieg tauchen auch in den Garreler Unterlagen oder in der Presse vermehrt Verweise dazu auf, dass man sich als Kriegerverein auch selbst als Kyffhäuser-Kameradschaft sah oder zumindest so bezeichnet wurde. Einige dieser Kameradschaften gibt es bis heute, auch im Landkreis Cloppenburg und der näheren Umgebung.
1914 findet das Schützenfest am ersten Sonntag im August statt, Festwirt ist die Firma Ladage aus Quakenbrück. Das Festzelt, ca. 500qm groß, wird laut Protokoll mit der Bahn geliefert und vom Garreler Bahnhof mit Pferdefuhrwerken zum Festplatz gebracht. Ab 1924 erhält der Schützenkönig 75,- RM Zuschuss, muss dafür aber bei der nächsten Generalversammlung 50 Liter Freibier ausgeben. Ein Jahr später, 1925, beginnen beim Kriegerverein Garrel spätestens Bemühungen, ein Ehrenmal für die gefallenen Soldaten des Ersten Weltkriegs zu errichten, wozu die Generalversammlungen, um Geld zu sammeln, auch eine Verlosung vorbereitet. Zuvor gab es schon ein Denkmal für die Gefallenen der vorherigen Kriege in Form eines Obelisks neben der Kirche.
Die Presse berichtet dazu, dass der Gemeinderat bereit ist, ein Grundstück in der Ortsmitte bei der Friedensbuche bereitzustellen. In den Denkmalbauausschuss werden Johannes Scherf, August Tewes, Heinrich Otten und Willy Nienaber gewählt. Das dann errichtete, aus Backsteinen gestaltete Denkmal steht letztlich bis 1970, als es für einen Neubau abgebrochen wird. Hier hätten, so berichtet die Chronik von 1976, viele schöne Gedenkfeiern stattgefunden. Manch einer habe den Abriss dieses Denkmals bedauert.
[Foto 129: Das ehemalige Kriegerehrenmal im Hintergrund. Davor König 1954 Josef Kemper mit Königin Maria Bruns und Nebenkönigin Anni Kemper]
1970 wird das neugestaltete Kriegerehrenmal in der Ortsmitte eingeweiht und ein neuer Obelisk für die Gefallenen von 1870/71 errichtet, Die Steinplatten des alten Denkmals finden einen neuen Platz. Für die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs legt man eine stilisierte Dornenkrone an. 2024 schließlich wurde das Ehrenmal abermals umgestaltet. Auch an dem engen Verhältnis zunächst des Kriegervereins und später der Schützengilde zu den Denkmälern zeigt sich das enge Verhältnis zu den Gefallenen und Verstorbenen des Ortes. So wird auch heute noch bei großen Versammlungen und Festen den Verstorbenen des Vereins gedacht.
Das Schützenfest 1926 wird in den Wochen zuvor zweimal in der MT erwähnt, einmal als bevorstehendes Kriegerfest und einige Wochen später als Schützenfest. Daran wird abermals klar, dass es sich auch in den Jahren zuvor beim Kriegerfest stets um das Schützenfest handelt und die Begriffe in dieser Zeit offenbar synonym genutzt werden.7 Vom Jubiläum ist hier allerdings nichts zu lesen. Die Chroniken von 1976 und 2001 vermerken dazu, dass die wirtschaftlichen Verhältnisse 1926 so schlecht gewesen seien, dass man sich schlichtweg kein großes Jubiläum leisten kann. Das wird durch die Gemeindechronikl von 1972 bestätigt, in der berichtet wird, dass der Überschuss des Fests 2026 nur 8 Mark betragen habe. Auch die Chronik des Musikvereins Garrel berichtet über die Jahre 1927 und 1928, es habe große Armut in Garrel geherrscht, weswegen die Auswanderungsbewegungen größer geworden seien. Dennoch hat man das Garreler Schützenfest wohl im normalen Rahmen begangen, wie die folgende Anzeige zeigt.
[Foto 201: Schützenfest 1926. Quelle: OM-Medien]
Im Protokoll der Versammlung vom 3. Juli 1927 ist zu lesen: Wer nicht zum Fest antritt, zahlt 1,- RM Strafe. Wer außerdem nicht beim Königsschießen teilnimmt, muss eine weitere Reichsmark zahlen – strenge Regeln in einer wirtschaftlich angespannten Zeit. Das spricht sich wenig später sogar bis nach Elsfleth herum: Die Zeitung „Nachrichten aus Stadt und Amt Elsfleth“ berichtet am 14. Juli 1927: „Ordnung herrscht zweifellos im Kriegerverein Garrel, der Sonntag sein diesjähriges Vereinsfest feierte. In der Bekanntgabe des Festes liest man: Am Samstagabend um 8 Uhr Antreten zum Königsschießen, wer nicht erscheint und unrasiert zum Dienst erscheint, hat hohe Strafe zu erwarten.“8 Hier wohl eher humoristisch gemeint, steckt dahinter möglicherweise aber auch ein ernster Hintergrund: Der Kriegerverein versucht, Ordnung und Regeln zu schaffen und diese auch einzuhalten. Seit 1927 werden in Garrel übrigens auch Prinzen ausgeschossen. Im gleichen Jahr wird der Vereinsvorsitzende Kaufmann Heinrich Meyer wiedergewählt und leitet den Verein insgesamt sieben Jahre. 1928 wird Schlachtermeister Josef Bley zum Schriftführer gewählt, der den Verein noch viele Jahre begleiten wird.
Mitte Juli 1929 findet das Amtsverbandskriegerfest, eine Art Bezirksschützenfest, in Garrel statt, zu dessen Vorbereitung auch der Garreler Kriegerverein beiträgt. 1929 steht beim Verein jedoch ganz wesentlich im Zeichen des Kriegerdenkmalbaus, der sich seit den Planungen von 1925 noch einige Jahre hinzieht und für den auch mehrmals Spendensammlungen stattfinden. Außerdem werden erstmals Mützen für alle Vereinsmitglieder angeschafft.
1930er bis 1945
In der Kaiserzeit enden die Versammlungen gemäß Protokoll meist mit einem Hoch auf Kaiser und Großherzog, in den 1920er- und frühen 1930er-Jahren nicht selten mit einem Hoch auf Deutschland mit gemeinsamem Singen des Deutschlandliedes und ab Mitte der 1930er mit einem „Sieg Heil“ auf den „Führer“. Die Tagesordnungspunkte jedoch, die dazwischen behandelt werden, sind beinahe gleichgeblieben: Es geht um Finanzen, um das Schützenfest, um Budenverpachtung, den Denkmalbau und um Besuche bei auswärtigen Festen. Das zeigt den Alltag in sich ändernden Gegebenheiten und Gesellschaftsstrukturen, aber auch Anpassung. Die Vereine, zumal eher konservativere Kriegervereine, blieben keine Inseln kaiserzeitlicher Melancholie, sondern wurden von den Umbrüchen der Zeit erfasst und entweder aktiv, schleichend oder auch nur wenig vereinnahmt. So oder so zeigt sich hier der jeweilige Zeitgeist auch im ländlichen Vereinswesen klar.
Nicht selten finden sich für die frühen Jahre des Vereins widersprüchliche Angaben zu Vorsitzenden oder Vorstandsmitgliedern. Noch 1927 wird davon berichtet, dass Heinrich Meyer für sieben Jahre den Verein leitet. Das würde dazu passen, dass 1934 schließlich Josef Bley das Ruder übernimmt. Für 1931 vermerkt ein Wahlprotokoll aber, dass Gemeindevorsteher Bernhard Meiners Vorsitzender war, August Krieger 2. Vorsitzender (wenige Monate danach abgelöst von August Voßmann), Josef Bley Schriftführer und Theodor Nienaber Kassierer. Wahrscheinlich hat Meyer das Amt bereits 1924 übernommen.
Der Schützenkönig kann ab 1932 eine persönliche Erklärung abgeben, innerhalb von fünf Jahren nicht erneut König werden zu wollen. Denn bis dorthin ist es weiter üblich, dass derjenige König wird, der beim Königsschießen die besten Treffer landet. Die „Gefahr“ einer Doppel- oder Dreifachregentschaft war für die Betroffenen wohl nicht zu unterschätzen.
Anfang 1933 wird außerdem festgelegt, dass das Vereinslokal künftig von außen mit einem Schild des Kyffhäuser-Bundes gekennzeichnet werden soll, womit sich das Selbstverständnis des Kriegervereins als Kyffhäuser-Kameradschaft zeigt. Inzwischen bestimmt der Verein auch einen Obmann für Luftschutz, wozu Heinrich Bley ernannt wird. Spätestens ab April 1933 ist den Protokollen anzumerken, dass nun langsam das Vokabular der neuen NS-Machthaber in den Vereinsalltag einfließt, so wird die Bezeichnung „Führer“ nun für Vorsitzende oder Beauftragte verwendet.
Es ist davon auszugehen, dass die Anweisungen dazu aus den höheren Verbandsebenen des Kyffhäuser-Bunds kamen, der im April/Mai 1933 zunehmend von der NS-Führung im Zuge der Gleichschaltung unter Druck gesetzt und im Juli 1933 in „Reichskriegerbund Kyffhäuser“ umbenannt wurde. Im Folgenden zogen sich die neuen Anordnungen von der Spitze des Verbands bis in die kleinen örtlichen Gliederungen durch.
Im September 1933 wird Lehrer Heinrich Kalvelage Schriftführer, die übrigen Posten bleiben gleich besetzt. In der Versammlung gibt Vorsitzender Meiners auch eine Verordnung betreffend Zusammenarbeit mit der SA, Gruß (damit wird der „Deutsche Gruß“, der Hitlergruß, gemeint sein) und bezüglich des Tragens von Vereinsabzeichen, später Hakenkreuzarmbinden, bekannt. Die Versammlung endet mit einem Hinweis der Verbundenheit „zu unseren Führern Hindenburg [und] Adolf Hitler“. Innerhalb eines halben Jahres also war die ohne Rücksicht auf Verluste durchgeführte Gleichschaltung des NS-Regimes in vollem Umfang in der dörflichen Realität angekommen, ob gewollt oder nicht. Anfang 1934 wurden die Kyffhäuserverbände schließlich in die SA eingegliedert, so auch der Garreler Kriegerverein. Das Protokoll vermerkt „Überführung in die S.A.R. II.“, womit wohl die SA-Reserve 2 gemeint ist. Ein Studienrat Klünemann aus Cloppenburg hielt bei der Versammlung eine Rede, dass der Nationalsozialismus „eigentlich im Frontsoldaten seine Wurzel“ hat. Man erkennt daran, dass dem NS-Staat daran gelegen war, die Kriegerverbände zu umgarnen und näher ans Regime zu binden, wenn das überhaupt notwendig war. Wenig später wurden bereits Vereinsabzeichen „für S.A. II“ beschafft.
Ansonsten konzentrieren sich die Notizen im Protokollbuch weiter vor allem auf das klassische Vereinsleben zwischen Schützenfestplanung, Kassenführung und Besuchen bei Verbandsfesten. Unterhalb der Eingliederung in NS-Verbände bleibt die alte Struktur der Kriegerverbände also weitgehend bestehen. Ein Schriftstück von 1935 vermerkt auch: „Versammlung des Kyffhäuserbundes Garrel“, bei der nächsten Versammlung schon „Krieger-Kameradschaftsvereins Garrel“, später hieß die Versammlung auch zeitweise Appell. Man war sich angesichts der Umbrüche im Staat wahrscheinlich selbst noch nicht ganz im Klaren, wie die korrekten Bezeichnungen künftig sein würden, während das Tagesgeschäft relativ unverändert blieb. Als Reichspräsident Hindenburg 1934 verstirbt, erhebt man sich auch beim Kriegerverein Garrel von den Plätzen. Im gleichen Jahr übernimmt Josef Bley die Leitung des Vereins.
Im Februar 1935 berichtete die OV von einem Winterfest, das der Kriegerverein Garrel im Saal Hermann Willenbrink veranstaltet habe. Dazu traf man sich beim Vereinslokal Rickwärtz und marschierte „mit der Musikkapelle voran zum Festsaale“. Es hätten sich „zahlreiche Volksgenossen“9 eingefunden. Im August 1937 habe man beim Garreler Schützenfest bis spät zum Abend um die Königswürde gekämpft, aber schließlich habe Georg Thoben vom Tweel gewonnen. „Ein flotter Schützenball bildete den Schluß des traditionellen und schön verlaufenen Festes. Jeder Garreler möge den Kriegerverein fördern helfen, damit das Schützenfest ein wahres Volksfest sei und bleibe.“10
Die Protokollaufzeichnungen enden im August 1939 und beginnen erst wieder mit der Neugründung des Vereins 1950. Es liegen nach aktuellem Stand keine Quellen oder Archivalien vor, die die Zeit des Zweiten Weltkriegs näher belegen könnten. Viele Unterlagen, auch die Königskette und die Vereinsfahne, sind wahrscheinlich 1945 beim Hausbrand des Vorstandsmitglieds Theodor Nienaber zerstört worden, der in den Tagen der heranrückenden Front auch selbst den Tod fand.
Zur NS-Zeit insgesamt berichtet die Chronik von 1976, dass der Gemeinschaftswille des Vereins und der Mitglieder geholfen habe, die Gilde über diese Zeit hinwegzutragen. Auch während des Zweiten Weltkriegs sei der Verein bestehen geblieben und man habe weiter Feste gefeiert und Veranstaltungen organisiert, allerdings in kleinerem Rahmen, in dem keine Könige ermittelt wurden. Überschüsse seien regelmäßig auch guten Zwecken zugeführt worden, so z. B. für die Garreler Kirche oder den Friedhof.
Auch wenn die unmittelbaren Kriegsereignisse bis zum April 1945 die Lebensrealität in Garrel nicht täglich beeinflussten, so fielen doch viele Garreler Söhne, Väter, Großväter, Ehemänner, Brüder, Verlobte usw. als Soldaten. Beinahe jede Familie war betroffen. Davon zeugen noch heute die namentlichen Gedenkkreuze in der Kriegergedächtniskapelle auf dem Friedhof. Mit dem Kriegsende 1945 kamen zunächst auch die Vereinsaktivitäten des Kriegervereins zu einem vorübergehenden Stillstand.
1 MT v. 20.11.1914.
2 OV v. 04.01.1916. Lefeber hieß mit Vornamen Gustav. Siehe dazu OV v. 19.07.1938 u. v. 04.11.1940.
3 OV v. 04.11.1940.
4 Gelhaus (2001), S. 282.
5 OV v. 18.03.1919.
6 MT v. 20.05.1921.
7 MT v. 08.05.1926.
8 „Aus Nah und Fern“. „Nachrichten für Stadt und Amt Elsfleth“ v. 14.07.1927, S. 4.
9 „Amt Cloppenburg“. „Oldenburgische Volkszeitung“ v. 01.03.1935, S. 4.
10 OV v. 20.08.1937.
